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Brasilien jenseits von Olympia

Beim Klimaschutzgipfel 2016 in Paris wurde beschlossen, die Mittel für den Schutz des Regenwaldes zu verdoppeln. Das muss auch der Hausschaltsauschuss des deutschen Bundestages genehmigen. Deshalb beschloss dieser, drei Abgeordnete zu entsenden, um die Förderprojekte in Augenschein zu nehmen - darunter auch mich. Im Mai 2016 waren wir vor Ort.

Nicht mein Ideal nachhaltiger Forstwirtschaft - Eukalyptus-Pflanzfläche mit Glyphosath-Schutz

Nicht mein Ideal nachhaltiger Forstwirtschaft - Eukalyptus-Pflanzfläche mit Glyphosath-Schutz

Zwischen Rio de Janeiro und Sao Paolo liegt die Mata atlantica: Ein Waldgebiet, das mittlerweile auf 20% seines ursprünglichen Gebietes zusammengeschrumpft ist. In der Mata atlantica arbeitet das Unternehmen Fibria. Es ist der größte Produzent von Zellstoff  aus Eukalyptus weltweit. Durch die rasch wachsende Baumart soll der Rohstoff Zellulose möglichst schnell ersetzt werden.

Sieben Jahre hat ein aufgeforstetes Gebiet Zeit zum Wachsen – dann werden die Bäume dort wieder geschlagen. Die Stämme werden zum Teil im Boden gelassen, um Erosion zu verhindern. Damit nichts anderes, als der gewünschte Eukalyptus wächst, wird viermal jährlich Glyphosat auf den aufgeforsteten Äckern ausgebracht.  Das ist erlaubt im Rahmen des FSC- Standards.

Dass diese Vorgehensweise als nachhaltige Forstwirtschaft gilt, war für mich ziemlich ernüchternd. Darunter stellte ich mir prinzipiell etwas anderes vor als  wieder aufgeforstete Stoppelfelder. Aber natürlich sind diese ein Fortschritt gegenüber dem Raubbau früherer Jahrzehnte. Aber ein Ersatz für die Biodiversität des natürlichen Regenwaldes ist diese Forstwirtschaft natürlich nicht.

Das Projekt CAR der brasilianischen Regierung kam meiner Vorstellung schon deutlich näher. Es geht dabei um eine Art Landkatasteramt. Deutschland unterstützt das Erfassen des Baumbestandes und der Eigentumsrechte. Die Klärung von Eigentumsrechten ist durchaus auch ein Weg, eine legale Einkommensquelle und ein Gefühl der Verantwortung bei den Bewohnern des Amazonasgebietes zu schaffen.

Im Forstgebiet des Unternehmens „Mil Madeiras preciosas Ltd.“ wachsen 70 verschiedene Baumarten. Nur die fünf wertvollsten werden gefällt. Die anderen Bäume dürfen dann ungestört 30 Jahre weiterwachsen. Allerdings wird auch hier aus 50% des kostbaren Regenwaldholzes Abfall. Dieses Abfallholz wird in einem Biomassekraftwerk verheizt. Das schafft immerhin 45 Arbeitsplätze – aber es tat mir trotzdem weh angesichts der Einzigartigkeit des Regenwaldes.

Andererseits ist es ganz zentral für den Schutz des Regenwaldes, legale Einkommensmöglichkeiten  für die lokale Bevölkerung als Alternative zum Raubforsten zu schaffen. Der auch vom BMZ mitfinanzierte Amazonasfond unterstützt viele Projekte. In der Pousada Vista Rio Negro wurde ein genossenschaftliches Gasthaus mit Pension für nachhaltigen Tourismus gebaut. In anderen Gegenden fördert man den Anbau von Paranüssen oder die Produktion von Naturkosmetik.

Generell versucht man die Menschen am Ort zu halten: beispielsweise durch den Aufbau eines Gemeinschaftshauses, Geldautomaten, einer regelmäßigen Gesundheitsversorgung. So lautet auch der Ansatz in Tumbira, wo auch eine Schule errichtet wurde. Ich habe mir vorgenommen, einen Kontakt zwischen der dortigen Schülerzeitungsredaktion und der deutsch-portugiesischen Europa-Schule in Berlin zu vermitteln.

Im Gegensatz dazu stand der  Besuch bei Amaggi im Hafen von Itacoatiara eher unter dem Motto „Big ist beautiful“. Hier wird der Löwenteil der brasilianischen Sojabohnenproduktion nach Europa verschifft: und zwar streng getrennt nach gentechnisch veränderten und unveränderten  Bohnen. Das ist eine Konsequenz der Nachfrage aus Deutschland nach unveränderten Soja. Das ist auch wichtig für die Biolandwirtschaft in Deutschland. Als ich noch als Berliner Abgeordnete versucht habe, die Berliner Stadtgüter auf Biolandwirtschaft umzustellen, wurde mir entgegnet, es gäbe nicht genug garantiert genfreies Futtermittel. Durch einen Hafen wie Itacoatiara wird das jetzt ermöglicht.

Aber gesichert ist auch dieser Erfolg nicht. Denn nach der Amtsenthebung von Dilma Rouseff ist der neue Landwirtschaftsminister niemand anderes als Nuri Geller – der Chef von Amaggi und damit größter Sojabohnenanbauer im Land. In Brasilien selbst wird praktisch nur gentechnisch verändertes Soja verfüttert. Das heißt, von dieser Seite ist wenig Unterstützung für genfreie Sojaproduktion zu erwarten.

Wir müssen nicht nur gute Projekte wie CAR oder die des Amazonasfond unterstützen – wir müssen auch den politischen Druck hoch halten, damit die positiven Ansätze nicht von der neuen brasilianischen Regierung zunichte gemacht werden.