In, aus und für Berlin.

Offener Brief an den ADAC

Lieber Herr Voigt, lieber Herr Hesselmann,

es ist dunkel morgens auf dem Schulweg. Die Warnwesten des ADAC helfen zwar, doch es reicht leider nicht immer aus. Jeden Morgen queren mein Sohn und ich die Bundesallee in der Nähe vom ADAC. Wir haben schon mehrfach darüber gesprochen, wie er den Fußweg zur Schule allein bewältigen könnte. Und haben uns bisher immer dagegen entschieden. Denn ein halbes Jahr nach der Einschulung sind die Hürden dafür hoch.

Foto: flickr.com_lucylu_CC BY-ND 2.0

Es sind nicht nur Raser*innen und notorische Zu-spät-kommer, die unsere Kinder gefährden. Es ist die generelle Ausrichtung auf die Autosicht. Dadurch gefährden die Verkehrsplaner Fahrradfahrer*innen und eben auch die Fußgänger*innen, insbesondere die Kinder. Denn die Autofahrerperspektive spornt zu Nachlässigkeit geradezu an. Ich möchte Ihnen dafür ein praktisches Beispiel geben. Direkt vor Ihrer Haustür, Herr Voigt: Überqueren Sie morgens kurz vor Schulbeginn die Bundesallee. Gehen Sie in die Knie, etwa in die Höhe eines Schulkindes. Was Sie jetzt sehen, ist der tägliche Parcourlauf der Kinder. Die Autos stehen halb auf der Kreuzung, fahren an oder gleich durch. In der Grünphase, vom Prager Platz kommend, müssen Sie über die Straße rennen. Gemeinsam mit Kindern stehen Sie auf der Mittelinsel, um sie herum die rasenden Fahrzeuge. Wenn sich daran nichts ändert, werden weiterhin Unfälle unmittelbar vor Ihrer Haustür geschehen! Deshalb begrüße ich jede Aktion und jede Kampagne, die unsere Kinder davor schützt. Herr Hesselmann, Sie schrieben in Ihrem offenen Brief, sie gehörten nicht zur „Fraktion der radikalen Radfahrer oder sonstigen Verächter des motorisierten Individualverkehrs“. Das ist bei mir anders. Mein altes Auto bleibt häufig stehen. Ich bemühe mich, das Fahrrad oder den ÖPNV zu benutzen. Aber ganz ehrlich: es gelingt bei weitem nicht immer. Dafür ist Berlin zu weitläufig. Auch deshalb ist mein Plädoyer nicht eines für „die autofreie Stadt“, sondern eines für „die bewegungsfreie und sichere Stadt“. Bewegungsfrei bedeutet für mich die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer*innen. Und sicher bedeutet für mich ganz konkret die Gesundheit meines Sohnes: Die Hoffnung, niemals an seinem Krankenbett stehen zu müssen, weil ein*e Auto- oder Radfahrer*in ihn überfahren hat. Das möchte keine Familie. Es ist zugleich niemandem geholfen, die Verkehrsgruppen gegeneinander zu hetzen. Plädoyers an die Rücksichtnahme leisten ihren Anteil am gegenseitigen Verständnis. Darüber hinaus braucht es aber Maßnahmen, die die Benachteiligung von Fahrradfahrer*innen und Fußgänger*innen abbauen: Breite Fahrradwege auf den Straßen, Begegnungszonen im Verkehrsfluss, Tempolimits und mancherorts auch verkehrsberuhigende Maßnahmen wie Schwellen und Kissen. Lassen Sie uns mit einem ersten kleinen Schritt beginnen Ich würde mich gerne gemeinsam mit Ihnen, Herr Voigt, Herr Hesselmann, dafür einsetzen, Schulwege zu sichern. Mit Schulwegen meine ich explizit nicht nur die Bereiche unmittelbar vor den Schulgebäuden und Kitas. Ampelphasen sollten an die Bedürfnisse der Schul- und Kitakinder angepasst werden. Die Schulwege müssen besser gekennzeichnet werden. Wären Sie bereit mitzumachen? Kurz vor Weihnachten darf ich mir vielleicht noch etwas wünschen: ich wünsche mir, dass der ADAC vor seiner Haustür dafür sorgt, dass Kinder sicher die Straße überqueren können. Mit einem Lotsen in einem Schwung über die Ampel. Ein kleiner Schritt für den ADAC, viele kleine für unsere Kinder.

Ihre Lisa Paus,