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Meine Position zur Sterbehilfedebatte

Am Freitag wird der Deutsche Bundestag über vier Gesetzentwürfe abstimmen, die die rechtlichen Rahmenbedingungen der Sterbehilfe ändern sollen. Ich werbe dafür, dass der derzeit von den meisten Abgeordneten favorisierte Gesetzentwurf der Kollegen Brand und Giese im Bundestag abgelehnt wird und unterstütze den Gesetzentwurf von Peter Hintze zur Regelung der ärztlich begleiteten Lebensbeendigung.


 

Ich werbe dafür, dass der Gesetzentwurf meiner Kollegen Brand und Giese im Bundestag abgelehnt wird.

Die derzeitige rechtliche Situation verhindert, dass ein unheilbar krebskranker Patient mit seinem Arzt tabulos über alle Facetten des Sterbens sprechen kann. Sehr viele Ärzte wollen nicht zum Thema Sterbehilfe beraten. Der Grund liegt auch darin, dass Ärzte heute schon eine Rechtsunsicherheit fühlen und Angst haben, ihre Zulassung zu verlieren. Als Angehörige weiß ich, dass es sehr viel Schweigen bei diesem Thema gibt, und dies sehr belastend für hilfesuchende Patienten ist. Sollte der Gesetzesentwurf von Griese und Brand angenommen werden, wird sich die Situation noch zuspitzen, weil die Ärzte dann nicht „nur“ ihre Approbation verlieren können, sondern als gewerblich Tätige potenziell strafrechtlich verfolgt werden können.

Ich unterstütze den Gesetzentwurf von Peter Hintze zur Regelung der ärztlich begleiteten Lebensbeendigung.

Damit wird ein wichtiger Beitrag geleistet, um die unter Angehörigen, Ärzten und Sterbehelfern grassierende Rechtsunsicherheit zu beseitigen. Ich bin der Überzeugung, dass es im Sinne vieler todkranker Menschen ist, wenn ihnen professionell, vertrauensvoll und in einem rechtssicheren Rahmen geholfen wird – und die Sterbehilfe dabei kein Tabu ist. Solch einen Weg zu gehen sollte für die Menschen, die das wollen, einfacher werden, er sollte mehr Menschen offenstehen, und er sollte nicht kriminalisiert werden.

Ich spreche mich für ein Recht auf ein humanes und selbstbestimmtes Lebensende aus.

Ist dieser Weg versperrt, heißt die Alternative oft nicht, dass Menschen auf einen Suizid verzichten, sondern dass er früher, und dass er auf unmenschliche Weise passiert. Wenn der Weg verbaut ist, von einem Arzt Tabletten zu erhalten, mit denen das Leben human und selbstbestimmt beendet werden kann, dann wählen Menschen inhumane, furchtbare Alternativen. Sich vor den Zug zu werfen, sich die Kugel zu geben, sich die Pulsadern aufzuschneiden: Das alles ist nicht human, weder für todkranke Menschen, noch für Angehörige, noch für die Gesellschaft.

Es ist nicht einfach, sein Leben auf humane Weise selbst zu beenden. Selbst wenn man an tödliche Tabletten kommt, stellt sich etwa ganz praktisch die Frage der richtigen Dosierung. Ein selbstbestimmter Suizid kann sowohl an einer zu geringen, als an einer zu hohen Dosis scheitern, auch das ist inhuman. Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass Ärzte und Kranke vertrauensvoll über das Thema Suizid sprechen dürfen sollten.

Wenn ein Suizid straffrei ist und bleiben soll, dann ist es widersinnig, wenn die Beihilfe zu dieser Nichtstraftat, egal ob durch Freunde, Ärzte oder Sterbevereinen vorgenommen, zu einer Straftat wird.

Die persönliche Entscheidung über den Zeitpunkt und die Art und Weise des eigenen Todes sollte frei gefällt werden können.

Dazu gehört auch die Möglichkeit, auf die Hilfe anderer zurückzugreifen, um das eigene Leben zu beenden, wenn es aufgrund nicht heilbarer Krankheiten als qualvoll und nicht mehr lebenswert erfahren wird.

Um Ängste vor dem Tod nehmen zu können, sollte es möglich sein, vertrauensvoll auch alle Handlungsoptionen zur Wahl zu haben und besprechen zu können.

In meinem engen Umfeld konnte ich erleben und verstehen, warum todkranke Menschen die Möglichkeit haben wollen, sich dabei helfen zu lassen, ihr Leben selbst zu beenden. Es geht dabei um Angst und um ein Umgehen mit der Angst – die Angst, zu sterben, aber vor allem eben auch die Angst, im Versorgungsapparat die Selbstbestimmung zu verlieren.

Angst vor dem Tod kann nur abgebaut werden, wenn man über alle Handlungsoptionen sprechen kann. Nur so kann beispielsweise eine Frage geklärt werden, wie „Schaffen ich und meine Angehörigen den Weg mit den Mitteln der Palliativmedizin? Oder welche Möglichkeiten hätte ich notfalls, um mein Leben selbst beenden zu können?“

Ein offener Umgang mit dem Thema Sterbehilfe wirkt präventiv vor Suizid.

Ich konnte erleben, welch suizidpräventive Wirkung sich über einen Zeitraum von drei Jahren dadurch entfalten kann, dass totkranke Menschen die Tabletten griffbereit haben, mit denen sie ihr Leben selbst beenden können.

In der Rechtmäßigkeit der Sterbehilfe sehe ich keinen Gegensatz zum Ausbau palliativer Therapien und zur Stärkung der Hospizkultur.

Ein weiterer Ausbau der Palliativmedizin ist nötig. Doch es muss einem bewusst sein, dass auch bei der besten palliativmedizinischen Versorgung der Wunsch da sein kann, sein Leben selbst zu beenden.

Zum Weiterlesen: Unter diesem Link können die Stellungnahmen der Sachverständigen zur Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestags nachgelesen werden.

 

Zugehörige Dateien:
Gesetzentwurf Sterbehilfe Hintze et. al Download (185 kb)
Dossier Sterbehilfe: Was spricht gegen den Gesetzentwurf von Brand/Giese, was für den Gesetzentwurf von Hintze? Download (364 kb)
Erläuterungen zum Gesetzentwurf Sterbehilfe Hintze et al. Download (182 kb)